Von Fingerabdrücken und sprechenden Überwachungskameras
Veröffentlicht am March 5, 2007
unter Demokratie, Gesellschaft, Grundrechte | Comments Off
Einst zählte England und später Großbritannien zu den fortschrittlichsten Nationen Europas. Nun schickt sich das Königreich an, Vorreiter einer ganz anderen Entwicklung zu werden, zum totalitären Überwachungsstaat.
Schon seit einigen Jahren pfeiffen es die Spatzen von den Dächern. Auf der Insel vor den Toren Europas gibt es die meisten Überwachungskameras Europas gemessen an der Bevölkerungszahl. 14 Einwohner teilen sich dort eine Kamera. In Deutschland beträgt die geschätzte Zahl an Kameras ca. 400.000 – damit schaut statistisch gesehen jede Kamera hierzulande auf 200 Passanten.
Doch zwei Meldungen haben mich heute fassungslos gemacht. Die Briten setzen noch eins obendrauf und planen, in Zukunft allen 11jährigen Kindern die Fingerabdrücke abzunehmen. Natürlich nur zum Schutz und zur besseren Organisation der Verwaltung (die Argumente kommen mir verdammt bekannt vor).
Außerdem sollen die Überwachungskameras jetzt schrittweise anfangen zu sprechen. Und zwar, falls sich jemand “asozial” verhält. Was dies genau sein soll, weiß man im Pilotprojekt in Middlesbrough schon ganz genau: Weggeworfenes Papier, lautes Gröhlen, Überqueren der Straße bei Rot…. Und damit die ÜberwachtenBeobachteten genau dies nicht tun, werden sie bei Verstößen gegen die guten Sitten (!) vom zuständigen Polizeiwachtmeister aus der Zentrale per Lautsprecher ermahnt. Und zwar so, dass es auch ja jeder in der Umgebung mitbekommt. Verständlich, dass unter diesen Umständen die omnipräsente Überwachung zu Verhaltensveränderungen führt:
Wie einst in Jeremy Benthams Panopticon. So nannte der englische Moralphilosoph vor über 200 Jahren seinen Entwurf eines Gefängnisses, in dem jeder Häftling von einem Wächter im Kontrollturm beobachtet werden kann. Der Wächter sieht nicht alle Häftlinge zur gleichen Zeit. Aber da sie nie wissen, ob sie gerade beobachtet werden oder nicht, verhalten sie sich so, als würden sie es. Das Ergebnis: Selbstdisziplinierung tritt an die Stelle physischer Kontrolle. Der französische Philosoph Michel Foucault sah das Panopticon als Symbol der Machtausübung im modernen Staat. (Reiner Luyken)
Und wenn man nun die Totalerfassung der Fingerabdrücke im Kindesalter, die sprechenden Kameras und die allgegenwärtige Überwachung zusammennimmt, dann möchte man laut “Sch***e” brüllen. Aber auf der Insel wird einen das in Zukunft wohl einen Credit kosten….

