Bekenntnisse

Veröffentlicht am November 19, 2009
unter Gesellschaft, Verschiedenes | Comments Off

Mein Job bringt es mit sich, dass ich Nachrichten aus der Luftfahrtbranche – Neudeutsch: Aviation Industry – mit Interesse verfolge, insbesondere wenn es sich um meinen eigenen Arbeitgeber handelt. Dienstag war es wieder mal soweit. Gleich zwei Meldungen erregten Aufmerksamkeit, regional und national. Zum einen die Ankündigung der Lufthansa, die Low-Cost-Carrier frontal anzugreifen und entsprechende Angebote nun auf den kontinentalen Strecken zu machen. Erreichen will man das unter anderem durch die Verringerung der Sitzabstände und den Ausbau von Galleys (Küchen).

Die zweite Nachricht war etwas bedrückender. Das Callcenter in Kassel wird geschlossen. Man konnte sich mit ver.di nicht über eine Kostenreduktion um 40 Prozent einigen. Dazu gleich mehr.

Der Zufall brachte es mit sich, dass ich gestern einem Vortrag Dr. Stefan Lauers lauschen durfte. Er verantwortet in der Lufthansa Passage u.a. die sogenannten Verbundairlines (Swiss, bmi, Brussels, Austrian, GermanWings etc.) und die Personalpolitik. Demzufolge ist er in die beiden Meldungen des Vortages tief involviert und gab entsprechend interessante Einblicke. So wies er darauf hin, dass die Verringerung der Sitzabstände vermutlich unbemerkt bleiben wird, weil moderne Sitze in Flugzeugen in der Rückenlehne weniger Platz beanspruchen. So führt nur ein Zentimeter weniger Abstand in einem Flieger mit 30-40 Reihen zu einer neuen Sitzreihe. Geht man davon aus, dass durch die neuen Sitze sogar 2,5 Zentimeter drin sind, kann die Lufthansa pro Maschine bis zu 18 Passagiere mehr befördern. Und das ohne Komfortbeeinträchtigung für den Kunden.

Wird die Lufthansa dadurch zum Billigflieger? Mit Sicherheit nicht. Auch daran ließ Lauer keine Zweifel.

Hochinteressant wurde die Diskussion jedoch, als Lauer auf die Schließung des Callcenters angesprochen wurde. Was in der öffentlichen Diskussion untergeht, betonte er hier: Das Callcenter arbeitete schon seit geraumer Zeit unwirtschaftlich. Nur eine 40-prozentige Kosteneinsparung hätte zu einem Erhalt geführt. Verständlicherweise konnte die ver.di da nicht mitgehen. Lauer gab zu, dies eigentlich auch nicht erwartet zu haben. Wer, so fragte er in den Raum, würde schon eine solche Gehaltskürzung hinnehmen wollen? Und so bekannte er, dass ihm die Betriebsversammlung am Dienstag in Kassel auch traurig stimmte. Er berichtete von Angestellten, die in Tränen ausbrachen. Solche Szenen ließen ihn nicht kalt. Stefan Lauer fiel es in dieser Situation sehr schwer, die unausweichliche Wahrheit zu verkünden und die Mitarbeiter zu entlassen. Solche Tage tun weh.

Für mich war der Abend eine sehr interessante Erfahrung. Nicht nur aufgrund des vorangegangenen, lebhaften und amüsanten Vortrags, sondern auch und gerade wegen der Geradlinigkeit und Ehrlichkeit, die er an den Tag legte. Das war mit Sicherheit keine Show. Lauer hat auch schwere Tage zu absolvieren. Und solche Bekenntnisse findet man nicht sehr oft in dieser Gehaltsklasse…

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